Von der Brücke zur Rohstoffbank: Wie Kreislaufwirtschaft im Infrastrukturbereich Realität werden kann

Wie macht man die Materialien einer Brücke sichtbar – und damit ihren zukünftigen Wert?

Dieser Fragestellung widmeten sich die Teilnehmenden eines Workshops, der von Madaster initiiert und von Isabelle Armani geleitet wurde. Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Circle-Partner kamen zusammen, um ihre Erfahrungen und Perspektiven aus unterschiedlichen Bereichen einzubringen. Ziel war es, die Grundlagen dafür zu schaffen, Ressourcenpässe, die bislang vor allem für Gebäude entwickelt werden, künftig auch auf Brücken und andere Infrastrukturbauwerke anzuwenden. An dieser Stelle gilt Isabelle Armani ein herzlicher Dank für die Moderation sowie die wertvollen Impulse während des Workshops.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie das etablierte Konzept des Gebäuderessourcenpasses auf Brücken übertragen werden kann. Schnell wurde deutlich, dass diese Herausforderung weit über die reine Datenerfassung hinausgeht. Die Voraussetzungen unterscheiden sich von Bauwerk zu Bauwerk erheblich. Während bei neueren Brücken häufig digitale Planungs- und Bestandsdaten vorliegen, gestaltet sich die Informationsbeschaffung bei älteren Bauwerken oftmals deutlich schwieriger. Die Qualität und Verfügbarkeit von Daten hängen stark vom Alter des Bauwerks und den vorhandenen Dokumentationen ab.

Gleichzeitig wurde intensiv diskutiert, welchen konkreten Nutzen ein Ressourcenpass für Brückeneigentümer bietet. Die Erstellung eines solchen Passes bedeutet zunächst zusätzlichen Aufwand – sowohl zeitlich als auch finanziell. Umso wichtiger ist es, den langfristigen Mehrwert sichtbar zu machen.

Die Teilnehmenden kamen zu dem Ergebnis, dass ein Ressourcenpass wesentlich dazu beitragen kann, die Zukunftsfähigkeit von Infrastruktur zu erhöhen. Er schafft Transparenz darüber, welche Materialien und Baustoffe in einem Bauwerk enthalten sind und in welchen Mengen sie vorliegen. Dadurch wird eine Brücke nicht nur als Verkehrsinfrastruktur betrachtet, sondern zugleich als langfristiges Materiallager. Die darin gebundenen Ressourcen werden erfasst, dokumentiert und für zukünftige Entscheidungen nutzbar gemacht.

Diese Transparenz eröffnet neue Möglichkeiten für Eigentümer und Betreiber. Insbesondere im Hinblick auf zukünftige Sanierungen oder Rückbaumaßnahmen können Materialien frühzeitig identifiziert und bewertet werden. Dadurch entsteht die Grundlage für eine bessere Planung, eine gezieltere Nutzung von Sekundärrohstoffen und potenziell auch für die Erschließung zusätzlicher wirtschaftlicher Werte. Wenn bekannt ist, welche Materialien in einem Bauwerk vorhanden sind, können deren Wiederverwendungsmöglichkeiten oder Vermarktungspotenziale deutlich früher bewertet werden.

Besonders spannend war die Diskussion über die Rolle von Brücken als zukünftige Rohstoffbanken. Mit einem digitalen Ressourcenpass könnten die enthaltenen Materialien nicht nur mengenmäßig erfasst, sondern perspektivisch auch mit aktuellen Marktwerten verknüpft werden. Dadurch ließen sich die wirtschaftlichen Potenziale eines Bauwerks transparenter darstellen.

Ein mögliches Zukunftsszenario verdeutlicht diesen Ansatz: Ist bereits heute bekannt, dass eine Brücke in einigen Jahren saniert oder zurückgebaut werden muss, können die darin enthaltenen Materialien frühzeitig für zukünftige Bauprojekte berücksichtigt werden. Entstehen in derselben Region neue Bauvorhaben, könnten vorhandene Ressourcen gezielt in die Planung einbezogen werden. Dadurch werden Materialströme sichtbar, lange bevor die Baustoffe tatsächlich verfügbar sind. Aus einem klassischen Rückbau entsteht so eine planbare Kreislaufstrategie.

Ein weiterer Schwerpunkt des Workshops war die Frage, wie die Einführung von Ressourcenpässen erfolgen kann, ohne zusätzliche Bürokratie zu schaffen. Die Teilnehmenden diskutierten deshalb, welche Daten tatsächlich erforderlich sind und wie diese so aufbereitet werden können, dass sie im späteren Lebenszyklus eines Bauwerks einen konkreten Nutzen stiften. Ein Ressourcenpass soll nicht primär dokumentieren, sondern als Arbeits- und Entscheidungsgrundlage dienen.

Die Diskussionen haben deutlich gemacht, dass Kreislaufwirtschaft nicht an der Gebäudehülle endet. Gerade im Bereich der Infrastruktur liegen erhebliche Potenziale, um Ressourcen langfristig im Kreislauf zu halten und zukünftige Materialbedarfe nachhaltiger zu decken. Voraussetzung dafür ist ein gemeinsames Verständnis darüber, welche Informationen benötigt werden und wie diese digital zugänglich gemacht werden können.

Madaster befindet sich bereits in Gesprächen zur Identifikation geeigneter Pilotprojekte. Sobald eine erste Brücke mit einem Ressourcenpass ausgestattet wurde, ist ein weiterer Workshop geplant, um die gewonnenen Erkenntnisse auszuwerten und mit dem Netzwerk zu teilen.

Für Circle hat der Workshop einmal mehr gezeigt, dass erfolgreiche Kreislaufwirtschaft durch den Austausch unterschiedlicher Disziplinen entsteht. Dort, wo Fachwissen aus Planung, Bau, Betrieb und Digitalisierung zusammenkommt, entstehen neue Ansätze, um bestehende Infrastrukturen als wertvolle Ressourcen für die Zukunft zu verstehen und zu nutzen.